Geschichte und Ziele (Paál)

Die Weiterbildung von Ärzten zu Psychotherapeuten auf psychoanalytischer Grundlage war das erklärte Ziel der Gründungsmitglieder der AGPT.

Die ersten Impulse, Ärzten eine Qualifikation zur Ausübung analytisch orientierter Psychotherapie zu vermitteln, brachten die Ereignisse der Psychiatrie-Enquete der siebziger Jahre, die u.a. statistisch belegen, dass 10 bis 20 Prozent der Patienten, die einen praktischen Arzt aufsuchen, an psychiatischen Störungen leiden. Um die Versorgung dieser Kranken zu verbessern, sind an verschiedenen Stellen der Bundesrepublik Deutschland Bestrebungen entstanden, einer größeren Zahl von Ärzten, welche Psychotherapie in ihre medizinische Tätigkeit integrieren wollen, eine Weiterbildung zum Erwerb der Zusatzbezeichnung "Psychotherapie" zu ermöglichen.

Die Initiative im Frankfurter Raum ging im Jahr 1974 von einer Gruppe junger Ärztinnen und Ärzte aus, die das Überhandnehmen der technischen Medizin kritisierten und sich die Grundlagen für eine mehr ganzheitliche Medizin aneignen wollten. Aus dem "Geist der Aufklärung" der 68er-Bewegung schien ihnen dazu die Psychoanalyse die geeignete Methode zu sein. Da sie aber die psychotherapeutischen Fertigkeiten in ihre organmedizinische Tätigkeit integrieren wollten, war für sie die psychoanalytische Weiterbildung nicht der geeignete Weg. Sie wandten sich zunächst an den Leiter des Sigmund-Freud-Instituts; da dort für dieses Projekt keine freien Kapazitäten vorhanden waren, regte er an, diese Frage in der damaligen "Rhein-Main-Neckar-Gruppe" (einem Zusammenschluss freipraktizierender Psychoanalytiker, aus dem später die "Frankfurter Psychoanalytische Vereinigung" hervorging) zu diskutieren. Hier bestand Einigkeit über die berufspolitische Bedeutung dieser Aufgabe; denn damals lag die Zahl von qualifizierten Psychotherapeuten weit niedriger, als zur Versorgung psychisch Kranker notwendig gewesen wäre, und wir erlebten ein rapides Ansteigen anderer, eher fragwürdiger therapeutischer Methoden und Techniken. Es bildete sich zunächst eine Planungskommission, bestehend aus Dieter Becker, René Fischer, Helmut Luft, Stavros Mentzos und János Paál, die innerhalb eines Jahres einen Rahmen erarbeitete, in welchem der Unterricht aufgenommen werden konnte.

Am Anfang hatten wir die Vorstellung, unabhängig von großen, übergeordneten Gremien und ohne bürokratische Einengung einer Institutionalisierung arbeiten zu können. In dieser Idee der Autonomie eines kleinen Gremiums lag wohl auch ein narzisstisches Idealbild, das mit den zunehmenden Erfahrungen des Alltags Stück für Stück revidiert werden musste.

Sehr bald haben wir erfahren, dass wir – um unseren Teilnehmern eine Qualifikation zu vermitteln, die sie auch in ihrer beruflichen Existenz verwerten können – auf die Anerkennung als Weiterbildungsstätte durch die Landesärztekammer Hessen angewiesen sind. Es erschien auch sinnvoll, einen "eingetragenen Verein", einen "e. V." mit festgelegter Satzung zu gründen. Die Satzung wurde im Herbst 1975 nach mehreren Diskussionen erweitert, geändert und schließlich in eine endgültige Fassung gebracht. Der Verein erhielt den Namen "Arbeitsgemeinschaft für die Weiterbildung der Ärzte zum Erwerb des Zusatztitels "Psychotherapie" e. V."

Die ersten Semester waren mehr improvisiert als organisiert, was aber bei der übersichtlichen Anzahl der Teilnehmer ohne weiteres zu bewerkstelligen war. Mit zunehmender Teilnehmerzahl, die sich seit 1982/83 bei etwa 100 Interessenten bewegt, musste die Weiterbildung straffer organisiert werden, was leider mit sich brachte, das der "Betrieb" unpersönlich wurde.

Das führte zum ersten Konflikt in unserer Arbeit: der Diskrepanz zwischen der großen Zahl der Interessenten und unserer recht bescheidenen Kapazität. Schon 1985 wurde die Nachfrage nach Weiterbildung so groß, dass nicht mehr alle zugelassenen Kollegen sofort mit der Teilnahme am Unterricht beginnen konnten; 1988 wurde ein Aufnahmestop unumgänglich, nachdem die Wartezeit bereits vier Jahre betrug.

Ein anderer Konflikt zentrierte sich auf die Frage unserer eigenen professionellen Identität. Verstärkt durch Signale, Botschaften, Meinungen aus dem psychoanalytischen Kollegenkreis und unserer Berufsverbände haben wir uns fragen müssen: Ist das überhaupt unser Anliegen, sollen wir uns nicht lieber um unsere eigenen Aufgaben kümmern, uns um eine Vertiefung der Psychoanalyse in Lehre und Forschung bemühen?

Die Diskussion um diese Frage nimmt auch in der psychoanalytischen Literatur einen breiten Raum ein, beginnend bei Freuds Kurztherapien bis hin zu Ferenczi, Bálint, Winnicott, Alexander, Eissler u.a. Pointiert befasste sich die Versammlung des Rates der "Europäischen Psychoanalytischen Förderung" im April 1986 in Windsor mit dieser Frage. Heinz Henseler führte mehrere Argumente für die Beteiligung von Analytikern an der Psychotherapie-Weiterbildung auf, und in der Diskussion wurde klar, dass es sich bei der psychoanalytisch orientierten Psychotherapie um etwas Originäres handele, nicht bloß um eine Art verwässerter Psychoanalyse (Henseler).

Als Resultat dieser Diskussion bildete sich innerhalb der "Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse und Tiefenpsychologie" (DGPT) eine Arbeitsgruppe "Psychotherapie", die die Ergebnisse ihrer Arbeit im Januar 1988 in einer Empfehlung vorlegte, die allen Mitgliedern zugesandt wurde und eine genaue Definition der "tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie" und praktische Empfehlungen zur Gestaltung der Weiterbildung enthielt.

Ich zitiere im folgenden aus dem Referat, gehalten bei der DGPT-Tagung 1989 (Weigelt, Paál):

"Idealisierung der Psychoanalyse und Entwertung der Psychotherapie heißt Stehenbleiben im Entweder-Oder oder bedeutet Stagnation und Abschottung und läuft damit dem forschenden, suchenden und nach Entwicklung strebenden, also dem dialektisch-emanzipatorischen Aspekt der Psychoanalyse zuwider. – Die Abwertung psychotherapeutischer Tätigkeit des Analytikers führt die möglicherweise insofern zu einem Identitätsverlust, als die genannten Grundlagen – Deutung, Übertragungsanalyse und technische Neutralität – außer acht gelassen werden, nicht gelten, "weil es ja doch nur Psychotherapie ist"."

In einer 1994 erschienenen Arbeit schreibt Otto Kernberg u.a.:

"In der Vergangenheit war es oft so, dass Psychoanalytiker in ausschließlicher Technik ausgebildet wurden, häufig völlig chaotisch reagierten, wenn sie Patienten behandelten, bei denen die Standard-Psychoanalyse nicht indiziert war oder die Behandlung in eine Sackgasse geriet. Eine Atmosphäre, in der die psychoanalytische Psychotherapie herabgewürdigt oder als zweitklassige Behandlung angesehen wurde, minderte früher die Selbstachtung des Analytikers, wenn er zu großen Anteil von solchen Behandlungen im Vergleich zur Standardpsychoanalyse zu leisten hatte."

Die ersten Dozenten unserer Arbeitsgemeinschaft waren ausschließlich Psychoanalytiker oder psychoanalytische Ausbildungskandidaten im fortgeschrittenen Stadium. Erst nachdem die ersten Teilnehmer der psychotherapeutischen Weiterbildung ihre Kolloquien abgelegt und Berufserfahrung gesammelt hatten, wurden sie zunehmend an den Unterrichtsveranstaltungen beteiligt, was auch insofern sinnvoll ist, als sie aufgrund ihrer eigenen Berufserfahrung die Erfordernisse der Psychotherapie in Abgrenzung zur Psychoanalyse besser kennen. Ihre eigenständige Kompetenz bildet eine viel bessere Grundlage für die Identitätsbildung der Psychotherapie, als Psychoanalytiker das zu vermitteln vermögen. Eine alte Idee, die Verantwortung in der Psychotherapie-Weiterbildung zu übernehmen, ist dank des Idealismus und der Freude dieser Kollegen am Unterricht ihrer Realisierung ein Stück weit nähergekommen.

Aus den Absolventen unserer Weiterbildung bildete sich der "Frankfurter Arbeitskreis für Psychoanalytische Psychotherapie" (FAPP) mit dem Ziel, die eigene Identität in Fortbildung und Berufspolitik zu entwickeln und zu wahren.

Zitiert aus "Psychoanalyse in Frankfurt am Main"
© 1996 edition diskord, Tübingen
Vom Autor und vom Verlag autorisierte Kurzfassung